Ob-Achtsamkeit
Zwischen Spiritualität und Kommerzialisierung

Achtsam startet das Museum Sankturbanhof in den Herbst. Das zeigt sich bereits am Flyer, der für einmal bedachtsam von Hand geschrieben ist.

Das Phänomen Achtsamkeit ist längst im Alltag angekommen. Ob im Fitnesscenter, dem Kaufhaus oder in den Personalabteilungen von Grosskonzernen: Achtsamkeit verspricht Ruhe, Gelassenheit und Kraft in einer immer hektischeren Zeit. Doch hält der Trend sein Versprechen oder versteckt sich hinter dem Begriff bloss eine kapitalismusfreundliche Selbstoptimierung?

Vorschläge zur Selbstoptimierung werden an allen Ecken angeboten: ob physisch, psychisch oder mental, die schiere Masse an Selbsthilfeliteratur, Fitnesstrainern oder Bewusstseins Coaches scheint überbordend: Schamanen treffen auf Yogis, Atem-Seminare auf Malbücher für Erwachsene, Räucherstäbchen auf Entspannungstees. Spirituelle und esoterische Lebenswelten sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Spiritualität wird zum milliardenschweren Konsumgut unserer Leistungsgesellschaft: Obacht vor der Achtsamkeit.

Bis weit ins 20. Jahrhundert bot der Glaube spirituellen Halt. Missbrauchsskandale und die starren Strukturen der Kirche haben in den letzten Jahrzehnten zu einem nie dagewesenen Exodus von Gläubigen geführt. Immer mehr Menschen suchen seither ausserhalb der kirchlichen Glaubensgemeinschaften nach Antworten. Es überrascht daher nicht, dass spirituelle und esoterische Lebenswelten in den letzten Jahren von den Rändern der Gesellschaft immer mehr in die Mitte gelangt sind. Dabei ist die Achtsamkeitslehre, eine dem Buddhismus entlehnte Meditationstechnik, in den Fokus gerückt. Gegen Stress, Angst, Depression oder Vereinsamung soll die Meditationstechnik helfen, wobei die individuelle Handlungsmacht im Zentrum steht. So werden Probleme unserer Leistungsgesellschaft und daraus resultierende Symptome allein dem Individuum zugeschoben. Die Ursachen hingegen werden dabei meist aussen vor gelassen. Denn die Anforderungen an unseren Alltag, privat wie beruflich, scheinen in Zeiten aktueller Krisen rund um Klima, Digitalisierung, Populismus oder bewaffneter Konflikte noch einmal gestiegen zu sein. Druck, Stress und Überforderung sind die Folgen unserer immer schneller rotierenden Leistungsgesellschaft. Es scheint daher nicht überraschend, dass immer mehr Menschen nach Wegen aus dem Hamsterrad suchen und in der Achtsamkeitslehre fündig werden.

Die Achtsamkeit hat mittlerweile die unterschiedlichsten Lebensbereiche berührt, was eine Fülle an Ratgebern bestätigt: achtsames Essen, achtsames Erziehen, achtsam unterrichten, achtsam lernen, achtsame Führung, achtsam durch eine Depression oder der achtsame Weg zur Selbstliebe. Der Meditationstechnik werden gesundheitsfördernde und transformative Wirkungen attestiert.

Zum Begriff Achtsamkeit gibt es eine Vielzahl an Definitionen, Meditationstechniken und -übungen. Eng mit der buddhistischen Glaubenspraxis verknüpft, wird die Achtsamkeit im 19. Jahrhundert intensiv in intellektuellen und philosophischen Zirkeln im Westen rezipiert. Jon Kabat-Zinn, ein Molekularbiologe, emeritierter Professor und Gesicht der Achtsamkeitsbewegung, integriert die Achtsamkeit ab Ende der 1970er Jahre in den psychotherapeutischen, medizinischen und somit auch wissenschaftlichen Kontext.

Sein Programm zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit oder Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) erfährt in der Folge grosse Bekanntheit und dient als Vorlage für weitere, abgeleitete Programme. Achtsamkeit soll ein nicht-wertendes Gefühl des Seins im Jetzt vermitteln, ohne sich von Emotionen und Gedankenströmen ablenken zu lassen. Laut Kabat-Zinn lässt sich alleine mit Hilfe der Achtsamkeit aus dem Hamsterrad unserer stressverursachenden Hochleistungsgesellschaft entkommen. Das Ziel der Achtsamkeit ist laut Kabat-Zinn «in grösserer Harmonie mit sich selbst und der Welt zu leben», wobei die Konzentration auf das individualistische Ich gelegt wird. Wie kann ich meinen Stress, meinen Druck, mein Leid verringern, wie meine Konzentration stärken und meine Produktivität steigern? Ganz im Sinne einer neoliberalen Rhetorik bedient die Achtsamkeitsbewegung kapitalistische Selbstoptimierungsprozesse.

Doch die Fokussierung auf das eigene Selbst, der Rückzug in die individuelle Echo-Kammer untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Achtsamkeit findet nicht ausserhalb sozialer, politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen statt, sondern wird erst durch diese ermöglicht. Eine Achtsamkeitslehre ohne ethische und moralische Verankerung, ohne Vorstellung eines Gemeinwohls, bleibt bloss ein weiteres Produkt einer milliardenschweren Wellness-Industrie.

Mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln wie etwa Video, Malerei oder installativen Arbeiten zeigen dreizehn Kunstschaffende mit unterschiedlichen Schwerpunkten das breite Spektrum der Achtsamkeitsströmung. Die Präsentation stellt zeitgenössische neben historische Positionen aus der hauseigenen und der städtischen Sammlung.

«Ob-Achtsamkeit. Zwischen Spiritualität und Kommerzialisierung» wirft einen kritischen Blick auf die Verzahnung von Spiritualität und Kommerz und lädt die Besucher*innen ein, das Phänomen der Achtsamkeit zu reflektieren. Ein Begegnungsraum bietet neben verschiedenen Selbsthilfetools eine Auswahl an Literatur, lädt zum Verweilen ein und dient gleichzeitig als Ort des Diskurses.

Aufgaben: Text, Kuration
Kollaborateur*in(nen): Sarah Wirth
Klient*in: Museum Sankturbanhof
Jahr: 2024
Weiteres: Bilder zur Ausstellung